Das verletzliche München

von Marie Luise Kunst 

Wer Kommunalpolitik machen will, muss erst einmal die Stadt, in der er oder sie lebt, über den Klee loben. Das nennt sich Lokalpatriotismus und kommt bei den Wähler*innen gut an.

So will es das Gesetz des Wahlkampfes.

München sei die schönste Stadt und solle das auch bleiben. München müsse endlich wieder München werden (was immer auch das bedeuten mag). München sei lebenswert.

Ich erlebe durch meine Tätigkeit als Berufsbetreuerin vor allem den anderen Teil von München, der nichts von der prosperierenden Wirtschaft, dem südlichen Flair der Cafés und den hellen und offenen Lofts hat. Menschen, die alltäglich damit beschäftigt sind zu überleben. Die gar nicht den Blick heben zu den strahlenden Wahlplakaten auf dem Weg zum Jobcentertermin, zur hundertsten Wohnungsbesichtigung oder zur Lebensmittelausgabe der Tafel. Die ihre Wohnung gar nicht mehr verlassen wegen ihrer Gebrechlichkeit oder ihrer tiefen Depression. Viele von ihnen werden nicht zur Wahl gehen. Viele dieser Menschen haben keine Lobby in der Politik, werden (zum Glück) durch Wohlfahrtsverbände vertreten, aber nicht durch Personen, die direkt betroffen sind.

Ich merke das jetzt schon, wenn ich auf der Straße stehe, um Menschen anzusprechen und zu bitten, dass sie für unsere Zulassung zur Wahl unterschreiben. Da sind die, die nicht unterschreiben, weil sie meine Sprache nicht ausreichend verstehen und glauben, keinen Einfluss auf die Stadtpolitik zu haben – obwohl sie EU-Bürger*innen aus Osteuropa sind und bei der Kommunalwahl wählen dürfen. Da sind die, die glauben, aufgrund ihrer geistigen Behinderung kein Recht zu haben auf politische Teilhabe, und denen ich erst erkläre, dass sie wahlberechtigt sind. Da sind die, die sagen, sie haben keine Zeit für die Politik, weil sie schnell nach Hause müssen zur Partnerin, die sie Tag und Nacht pflegen und kurz – für den Einkauf – alleine gelassen haben.

Ich wohne seit über zwanzig Jahren in München und ja, ich lebe gerne hier. Aber ich kandidiere nicht für den Stadtrat, weil ich glaube beitragen zu müssen, dass München noch ein bisschen reicher und perfekter wird.

Es ist das hilfebedürftige und das hilfsbereite München, das verletzliche München und das München, das immer wieder Sensibilität aufbringt für andere, wofür es sich zu kämpfen lohnt.

Deshalb möchte ich in den Stadtrat. Damit mut als neue Partei aber überhaupt antreten kann, brauchen wir Ihre Unterschrift. Schön wenn Sie sich solidarisch zeigen und für uns unterschreiben. Danke!

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