Erinnerung an den 9. November 1938

Erinnerung an den 9. November 1938

Foto und Text von Christine Deutschmann

Erinnerung an den 9. November 1938

Am 7.11.1938 erschoss der 17-jährige Herschel Grynszpan den deutschen Botschafter in Paris. Mit dieser Tat wollte er auf die verzweifelte Lage seiner Familie im deutsch-polnischen Grenzgebiet aufmerksam machen. Von den Nazis nach Polen abgeschoben, von Polen nicht aufgenommen, mussten 17.000 polnischstämmige Jüd*innen im Grenzgebiet, in Zelten und Notunterkünften ausharren.

Bei den Feierlichkeiten zum Jahrestag des sogenannten „Hitlerputsches“ vom 9.11.1923 in München, rief Goebbels dazu auf, als Vergeltung für den Mord, Synagogen und jüdische Geschäfte zu zerstören. Dieser Aufruf wurde in ganz Deutschland verbreitet und schlug sich in massivster Gewalt gegen die jüdische Bevölkerung in Deutschland und Österreich nieder.

Die Bilanz der Gewalttaten war furchtbar: „Während der Pogrome wurden im Gebiet des Deutschen Reiches 91 Menschen ermordet. Viele Menschen starben noch Tage und Wochen später an ihren schweren Verletzungen. In den darauffolgenden Tagen wurden über 30.000 jüdische Männer verhaftet und in Konzentrationslager verschleppt. Die materielle Bilanz der Gewalt waren 1.200 niedergebrannte Synagogen und Gebetshäuser und 7.500 zerstörte Geschäfte. Die Pogrome und die aufgeheizte antisemitische Stimmung im Land übten auch indirekt Gewalt auf die jüdische Bevölkerung aus: Die Zahl der Suizide jüdischer Bürger nahm in der Zeit nach der Pogromnacht stark zu.“ (1)

Hauptsächlich Mitglieder der SA und SS beteiligten sich an den Zerstörungen und Gewalttaten. Die Bevölkerung sah zum großen Teil zu, niemand schritt ein, kaum jemand half den jüdischen Nachbar*innen, im Gegenteil. Bei den folgenden Plünderungen bereicherten sich viele an den Habseligkeiten ihrer jüdischen Mitbürger*innen. Ein Augenzeugenbericht von Josepha von Koskull beschreibt eindrucksvoll, wie sie als Deutsche den Tag und das Verhalten ihrer deutschen Mitbürger*innen erlebte. (2)

Die Novemberpogrome (3) waren der Auftakt zu noch weit grausameren Taten des Naziregimes. Sie waren der Auftakt zum größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte, der geplanten und gezielten Vernichtung allen jüdischen Lebens in Deutschland und den besetzten Gebieten. Sie waren der Auftakt zur Shoah.

In Deutschland steigt die Anzahl antisemitischer Straftaten seit Jahren wieder an. Lügenerzählungen, wie die „Protokolle der Weisen von Zion“ erhalten wieder Auftrieb durch die sogenannte Querdenken Bewegung, die oft antisemitische Narrative bedient, regelmäßig die Shoah verharmlost und von rechtsextremistischen Gruppen unterwandert ist.

Auch die Shoah fing nicht mit Gaskammern an, sondern mit dem Ignorieren der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung, mit der schrittweisen Gewöhnung an Grenzüberschreitungen und Gewalt, mit Wegsehen, Nichtstun und schlussendlich lähmender Angst.

ES IST NICHT EURE VERANTWORTUNG, WAS PASSIERT IST. ABER ES IST EURE VERANTWORTUNG, WAS SEIN WIRD.“ (Batsheva Dagan, Holocaust-Überlebende) (4)

(1) 9. November 1938 | bpb

(2) LeMO Zeitzeugen – Josepha von Koskull: Die Pogromnacht 1938 (dhm.de)

(3) https://de.wikipedia.org/wiki/Novemberpogrome_1938

(4) Holocaust-Überlebende: „Es ist nicht eure Verantwortung, was passiert ist. Aber es ist eure Verantwortung, was sein wird.“ (zeitjung.de)

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