Bildung statt Chaos

Nach über einem Jahr pandemischen Ausnahmezustands fehlt dem gesamten Bildungssektor leider nach wie vor ein professionelles Krisenmanagement, das sich an den Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen orientiert. Statt unter Einbeziehung von pädagogischen Fach- und Führungskräften gesundheitlich und wissenschaftlich gestützte sowie klare Lösungswege zu formulieren, werden in kurzen Abständen immer wieder neue, häufig komplizierte bzw. unklare und zum Teil sogar widersprüchliche Regelungen von Seiten der Staatsregierung verkündet.

Diese gehen häufig an der Realität, den Möglichkeiten und den Bedürfnissen der Einrichtungen vorbei. Statt einen in solchen Zeiten nötigen, flexiblen Handlungsrahmen zu schaffen, stehen bei der Staatsregierung die politische Interessensabwägung und bei den Behörden die Rechtssicherheit im Fokus. Schwerwiegende Langzeitfolgen für die sozial-emotionale Entwicklung der Kinder und eine gravierende Ungerechtigkeit beim Zugang zu Bildung sind die Folge dieser Politik.

Die Pandemie macht die Versäumnisse im Bildungssystem wie durch ein Brennglas sichtbar.

Offensichtlich fehlen dabei auch elementare technische Voraussetzungen, um einen gerechten Bildungsbetrieb während der Schulschließungen zu gewährleisten. Deshalb müssen dringend Rahmenbedingungen für eine sichere Offenhaltung von Schulen geschaffen werden.

Folgende Maßnahmen sollten daher sofort ergriffen werden:

  • Jede Woche mindestens zwei Antigen-Selbsttests aller Schulakteur*innen, die zu Hause durchzuführen sind. Da dies in Einzelfällen und mit triftigem Grund nicht möglich ist, sind Teststellen in den Schulen einzurichten. Dabei sollen dort nicht die Lehrkräfte, sondern geschultes externes Personal oder Schulgesundheitsfachkräfte die Tests in einem dafür geeigneten Raum oder im Freien vornehmen.
  • Flexibler Unterrichtsbeginn, um das Infektionsrisiko auf dem Schulweg zu reduzieren.
  • Fester Arbeitsplatz an der Schule für Schüler*innen, die zu Hause keine adäquaten Bedingungen vorfinden. Die Bedürftigkeit sollte durch die Erziehungsberechtigten bzw. Schüler*innen gemeinsam mit den Lehrkräften festgelegt werden.
  • Bildung von solidarischen Lerntandems oder Dreiergruppen fördern. Familien sollen dabei unterstützt werden, Lernpartnerschaften zu bilden. Dabei müssen die Kinder nicht unbedingt in eine Klasse gehen, sondern können sich durch Plattformen vergleichbar mit nebenan.de, passende Lernpartner*innen suchen und gemeinsam abwechselnd in den jeweiligen Haushalten lernen. Lehrkräfte können dabei auch Empfehlungen innerhalb der Klasse bzw. Schule geben.
  • Falschen Stress und überflüssigen Druck vermeiden:
    • Beim Übertritt auf die weiterführende Schule soll der Elternwille entscheiden
    • Weitere Reduktion der Leistungsnachweise, insbesondere in den Abschlussklassen und der 4. Klasse. In der reduzierten Schulzeit sollte das gemeinsame Lernen im Vordergrund stehen, nicht die Erhebung von Leistungsnachweisen. Denn Schüler*innen müssen aus Eigenmotivation und mit Freude lernen, um ihr Potenzial frei entfalten zu können.
  • Solange die Schüler*innen im Distanzunterricht sind, müssen neben den Hauptfächern auch die musischen Fächer unterrichtet werden. Wir schlagen vor, Menschen aus dem Kultur- und Sportsektor, die während der Pandemie ihre Berufe nicht oder nur eingeschränkt ausüben dürfen, aber Interesse an einer Lehrtätigkeit haben, in den Distanzunterricht mit einzubinden.
  • Eine sinnvolle Verschlankung und Entrümpelung des Lehrplans. Die neu gewonnenen Freiräume können von Lehrkräften und Schüler*innen für einen Unterricht genutzt werden, in dem statt Auswendiglernen Verständnis im Vordergrund steht.

 

Jetzt das sozialökologische Praxisjahr in Schulen einführen!

Durch die Debatten über ein verpflichtendes soziales Jahr angeregt, schlägt das Forum Bildung von mut Bayern vor, im 9. Schuljahr ein Jahr vergleichbar mit dem FSJ einzuführen, welches durch die Schule begleitet wird. Das Ziel ist es den Heranwachsenden Einblick in die Arbeitswelt, das Leben von pflege- und hilfsbedürftigen Menschen bzw. der ökologischen Landwirtschaft zu gewähren und ihnen wichtige soziale Kompetenzen zu vermitteln. Dabei dürfen die Praktikant*innen nicht als zusätzliche Arbeitskraft nur der Einrichtung zu Gute kommen, sondern müssen auch durch eine Anleitung pädagogisch betreut werden.

Der Wissenschaftler Harald Lesch schlug vor, dass Schüler*innen mit ca. 15 Jahren ein Jahr lang den klassischen Unterricht aussetzen und stattdessen einer praktischen Tätigkeit ihrer Wahl nachgehen sollten. Neurobiologisch ist dies sinnvoll, da sich das Gehirn in diesem Alter in einem starken Umbauprozess befindet, welcher das Erlernen von theoretischem Wissen erschwert. Die erhöhte Neugier und Risikobereitschaft der Jugendlichen führt dagegen dazu, dass sie gerne neue Dinge ausprobieren möchten und praktische Erfahrungen vorziehen.

Diese Notwendigkeit mündet zwangsläufig in einer Veränderung des Lehrplans, welche spätestens seit der Umstellung auf das G8 dringend erforderlich ist. Viele Lerninhalte werden nicht benötigt, andere wiederum fehlen, obwohl sie relevant wären.

Durch eine „Entrümpelung“ des Lehrplans würden die Jugendlichen im Praxisjahr keinen Unterrichtsstoff verpassen. Ein weiterer positiver Effekt dieses sozialen/ökologischen Jahres wäre die Durchmischung Jugendlicher aus den unterschiedlichen Schulformen, welche der Spaltung der Gesellschaft entgegenwirkt. Die Aufwertung von sozialen Berufen wäre ein weiterer Effekt dieses Projekts. Wie bereits bei FSJ-lern festzustellen ist, prägen diese Erfahrungen und dies ist grundsätzlich gesellschaftlich zielführend.

Durchführung

In allen Schulformen wird das praktische soziale Jahr in der 9. Klasse eingeführt. Bei Trägern, die mit der Schule zusammenarbeiten und ein Zulassungszertifikat erhalten haben, absolvieren die Schüler*innen ihr Praxisjahr. Dabei arbeiten sie vier Tage in der Einrichtung und an einem Tag in der Woche gehen sie zur Schule, halten Rücksprache mit den Lehrkräften, reflektieren die Praktikumsstelle und besprechen die verfassten Praktikumsberichte. Dieser eine Schultag pro Woche kann darüber hinaus zur gezielten schulischen Förderung und dem Schließen von Wissenslücken genutzt werden.

Träger können soziale Einrichtungen, wie Kindergarten oder Pflegeheime, ökologische Landwirtschaften oder gemeinwohlorientierte Unternehmen und Projekte sein. Auch die Inklusion kann z.B. durch den Schulbegleitungsdienst gezielt gefördert werden. Die Träger arbeiten dabei eng mit den Schulen zusammen, wobei das Organisatorische überwiegend von der Schulverwaltung erledigt wird, um die Träger zu entlasten.

Das Praxisjahr für alle ist auch ein Schritt zur Erfüllung der 17 Ziele der Agenda 2030, im Sinne von Bildung für nachhaltige Entwicklung. Die Agenda wurde 2015 von allen Mitgliedern der Vereinten Nationen einstimmig verabschiedet.

Unser PDF mit FAQs dazu (51 KB)

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