Im Koalitionsvertrag fest verankert: Kommt endlich die Selbstbestimmung auch nach Deutschland?

Ein Beitrag von Christin Löhner:

Das erste Mal seit Entstehen des vermaledeiten Transsexuellengesetzes 1981, wird die Selbstbestimmung für Transsexuelle Menschen in einem Koalitionsvertrag festgeschrieben. Doch wir wissen: In der Vergangenheit wurde viel versprochen.

Können wir endlich hoffen? Können wir endlich davon ausgehen, dass die Psychopathologisierung, die Stigmatisierung und die Fremdbestimmung bald ein Ende haben? Dürfen wir endlich wirklich darauf hoffen, dass wie ein echtes Offenbarungsverbot bekommen, das eben kein zahnloser Tiger ist? Können wir uns endlich auf ein vereinfachtes, selbstbestimmtes Verfahren am Standesamt freuen, statt Tausende von Euro für ein Gerichtsverfahren und zwei unabhängige Gutachter ausgeben zu müssen?

Der Koalitionsvertrag der Ampel, bestehend aus SPD, Bündnis 90/Die Grünen und der FDP, liest sich vielversprechend für transsexuelle und intersexuelle Menschen. Insbesondere die folgenden Punkte lesen sich – nicht nur für transsexuelle Menschen – wie ein Träumchen:

  • Das Transsexuellengesetz soll endlich abgeschafft werden
  • geschlechtsangleichende Maßnahmen sollen vollständig von GKV übernommen werden.
  • Das Blutspendeverbot soll endlich aufgehoben werden.
  • Es wird einen Entschädigungsfonds geben für diskriminierende Gesetzgebung der Vergangenheit
  • Abstammungsrecht wird reformiert.

(Hier kann man sich den Koalitionsvertrag anschauen)

Um ganz ehrlich zu sein, waren wir, die ganze Community von geschlechtsvarianten, also transsexuellen oder intersexuellen, Menschen sehr skeptisch, als sich heraus kristallisierte, wer in die Koalition für die neue Regierung geht. Die Ampel, insbesondere mit der SPD, war für uns wie ein Schlag ins Gesicht, denn:

War es nicht die SPD, die einerseits am Transgender Day of Visibility die Regenbogenfahnen geschwenkt und hochgehalten hat, aber dann drei Wochen später einstimmig gegen ein Selbstbestimmungsgesetz der Grünen gestimmt hat?

Ja, der Gesetzesentwurf der Grünen für ein Selbstbestimmungsgesetz war auch nicht perfekt und schlussendlich auch wieder nur ein Sondergesetz für Sondermenschen. Die Psychopathologisierung hätte damit auch kein Ende gehabt. Doch es wäre ein Anfang gewesen, ein Zeichen. Und doch hat die SPD geschlossen dagegen gestimmt.

Und nun will die Ampel Koalition unter der Führung der SPD all unsere Wünsche erfüllen? Wirklich? Das wäre zu schön um wahr zu sein.

„Mit unseren geplanten Maßnahmen für eine vielfältige Gesellschaft und gegen bestehende Diskriminierung und Queerfeindlichkeit wird Deutschland ein offeneres und lebenswerteres Land für Alle sein“, erklärten Schauws und Lehmann am Mittwochnachmittag.

„Um der gesellschaftlichen Wirklichkeit Rechnung zu tragen, ermöglichen wir gleichberechtigte Teilhabe und modernisieren die Rechtsnormen – vom Familienrecht bis hin zum Staatsbürgerschaftsrecht. Jeglicher Diskriminierung wirken wir entgegen“, heißt es gleich in der Präambel des Vertrages.

„Wir wollen den Gleichbehandlungsartikel des Grundgesetzes (Artikel 3 Absatz 3 GG) um ein Verbot der Diskriminierung wegen sexueller Identität ergänzen und den Begriff „Rasse“ im Grundgesetz ersetzen“, heißt es im Vertrag. Dass hier nur von sexueller Identität und nicht von geschlechtlichen Varianten oder geschlechtlicher Identität die Rede ist, finde ich allerdings Kritik würdig.

„Wenn ein Kind in die Ehe zweier Frauen geboren wird, sind automatisch beide rechtliche Mütter des Kindes, sofern nichts anderes vereinbart ist“, heißt es in dem Vertrag.

Große Worte, große Ankündigungen, große Vorhaben.

Wir bleiben gespannt und wir bleiben wachsam. Denn in der Vergangenheit wurde viel zu viel versprochen, als dass wir nun alles für bare Münze nehmen würden.

Gerade Koalitionsverträge sind oft das Papier nicht wert, auf dem sie geschrieben wurden und so hoffen wir weiter… und warten.


 

Trans der Norm – Talkabend Trans-Identität

* E I N T R I T T F R E I *

Thema: Trans-Identität
Medizin, Recht, Gesellschaft
gestern-heute-morgen

Hier wollen wir mit den Teilnehmer*innen ausgehend von gestern einen Blick in die Zukunft wagen. Zukünftige Entwicklungen in den Bereichen Medizin, Recht, Gesellschaft, Religion sollen präsentiert werden.


Moderation:
Jula Böge
(Autorin, Bloggerin)

Frank Wesnitzer
(Trainer für Achtsamkeit und Selbstmitgefühl)

Gäste:
Werner Gaßner
(Themensprecher für die gesellschaftliche Vielfalt bei der Partei mut)

Shalina Kimpling
(Diplom-Sozialpädagogin)

Timo
(Queer politisch aktiv, Queer Franken)

Dr. Bernhard Liedl
(Chefarzt, Zentrum für Rekonstruktive Urogenitalchirugie, Urologische Klinik München-Plaegg)

Peter Steinhoff
(Sozial- und Diversityberater, Deutsche Post DHL)

Jane Thomas
(dgti – Deutsche Gesellschaft für Trans-Identität und Intersexualität; LSU – Lesben und Schwule in der Union)

Sandra Wißgott
(Gründerin und 1. Vorsitzende von Trans-Ident e. V.; Mitglied dgti – Deutsche Gesellschaft für Trans-Identität und Intersexualität)

Finn Wolfrum
(Pfarrer der Evangelischen Landeskirche, Veitshöchheim)

Projekt: QueerArt
Queer Franken in Kooperation mit Queer Culture Nürnberg e. V. und in Zusammenarbeit mit dem KUF im südpunkt
Mit Unterstützung des Menschenrechtsbüros der Stadt Nürnberg
„gefördert im Rahmen des Bundesprogrammes „Demokratie leben!“


Der Zugang zur Veranstaltung ist barrierefrei möglich. Gebärdendolmetscher*innen sind vor Ort.

Einlassvorbehalt

Die Veranstalter behalten sich gem. Art 10 BayVersG vor, von ihrem Hausrecht Gebrauch zu machen und Personen, die neonazistischen Organisationen angehören oder der extrem rechten Szene zuzuordnen sind oder bereits in der Vergangenheit durch antisemitische, rassistische oder nationalistische Äußerungen in Erscheinung getreten sind, den Zutritt zur Veranstaltung zu verwehren.

Demo gegen Transphobie und Sexismus

Veranstaltungshinweis: Am 20. November wird weltweit der „Transgender Day of Remembrance“ begangen zum Gedenken an die Opfer homophober Gewalt. Erstmals in München organisiert die Münchner Aktivistin Michaela Ferstl eine Kundgebung vor dem bayerischen Landtag. mut unterstützt den Aufruf, ein Zeichen gegen trans*feindliche Ignoranz, Vorurteile, Mobbing und Gewalt und für gesellschaftliche Akzeptanz zu setzen.

Weiterlesen „Demo gegen Transphobie und Sexismus“

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